Ich bin ehrlich (und dafür bin ich leider auch berüchtigt): Facebook war und ist immer in erster Linie suspekt für mich gewesen. Die persönliche und freizügige, öffentlich-anonyme Selbstdarstellung nimmt aus meiner Sicht oft genug die gleichen schizophrenen Züge an, wie die in diesem Satz gerade verwendeten Adjektive. Ein nicht unwesentlicher Grund, mich dort trotzdem umzutun ist zum einen die Möglichkeit, meinen ca. 1200 km entfernten Sohn virtuell und damit öfter zu “treffen” (die durchschnittliche Antwortzeit eines heutigen Jugendlichen auf eine E-Mail beträgt derzeit ca. 4 Wochen, auf ein Facebook-Post maximal 2 Stunden), ein anderer ist der zum Jahreswechsel geäußerte gute Vorsatz, mich doch auch mal den sogenannten Sozialen Netzwerken zu öffnen, wenn die es mir gegenüber schon nicht tun.
Aber dass ich nun seit gestern keine neuen Freunde mehr bekommen kann, das gefällt mir ganz und gar nicht.
Ich weiß ja nicht, ob sich Mr. Facebook über die Tragweite seiner Entscheidung im Klaren ist, aber die wichtigste Funktion in diesem Netzwerk einfach umzubenennen, oder besser gesagt, umzuwidmen, grenzt schon an soziale Grausamkeit.
Was bitte schön soll denn jetzt nur noch heißen: “Gefällt mir!”?
Natürlich gab’s das auch schon vorher, aber damit hat man halt Aussagen kommentiert, Bilder, politische und soziale (Nicht-)Standpunkte, das letzte Ergebnis von Rapid gegen Austria, den plötzlichen Wetterumschwung im Vorgarten eines Reihenhauses in Wiener Neudorf. Aber doch keine Menschen, bitte! Also natürlich schon, klar können Menschen gefallen, sehr gut sogar, aber eben nicht in diesem Zusammenhang!
Geschickt waren sie ja, die Facebook-Administratoren, den bestimmenden Artikel vor diesem fast euphorischen Ausruf einer Zustimmung zu etwas erst mal wegzulassen. “Gefällt mir” kann man ja nun recht gefahrlos auf alles anwenden, egal ob es einem gefällt, oder nicht. Quasi die ironische und wörtlich gemeinte Bedeutung in einer kurzen Phrase vereint. Dementsprechend inflationär wurde mit diesen Statements ja auch umgegangen. Ich glaub, so mancher hat sich dafür schon ein Makro geschrieben gehabt.
Während eben Phrasen wie “Das gefällt mir” oder “Der gefällt mir” und natürlich “Die gefällt mir” schon eine deutlich verbindlichere Aussage beinhalten. Da würd man natürlich genauer überlegen: Stimmt das überhaupt? Gefällt mir der/die/das jetzt wirklich? Und was denkt der/die/das (okay, “das” denkt wahrscheinlich nicht) denn dann über mich, wenn er/sie liest, dass er/sie mir “gefällt?” Gefalle ich ihm/ihr optisch? Oder nur mein Foto? Charakterlich? Menschlich? Oder vielleicht sogar als ganzes? Ist das jetzt vielleicht sogar eine “Anmache”? Was denkt meine Freundin, wenn mir meine Arbeitskollegin gefällt?
Während Freund-Sein ja (normalerweise) rein innerliche Beweggründe als Ursache mitbringen sollte, so zielt doch ein “Gefällt mir” in erster Linie auf sogenannte phänotypische (ein tolles Fremdwort, das ich noch aus dem Biologie-Unterricht behalten hab… das einzige…), also äußere Eigenschaften ab. Zumindest in unseren Breiten. Begibt man sich aber auf einen kurzen Exkurs in den anglizistischen Sprachraum, so ist das Ganze deutlich einfacher. Da heißts ja: “Like”. Und das ist etwas ganz anderes. Wörtlich übersetzt: “gern haben”. Und das wiederum kann man nun alles und jeden, und wenn es auf Menschen bezogen ist, dann zielt es vornehmlich auf die inneren Werte ab (normalerweise). Dort ist alles gut (geblieben).
Angenommen, ich möchte jetzt also Freund von jemandem/er/es werden. Dazu soll ich nun auf “gefällt mir” klicken. Und wenn er/sie mir gar nicht soooo gefällt, ich ihn/sie aber trotzdem mag? Wie sag ich dann? Schick ich gleich eine Message hinterher: “Du, ich hab jetzt zwar (öffentlich!) gesagt, dass du mir gefällst, aber ich mein das gar nicht so, also nicht sooo meine ich das, ich mag dich, klar, aber das Gewand, was du heut z.B. anhast, gefällt mir eigentlich gar nicht…”. Was passiert, ist dass man zu Rechtfertigungen genötigt wird, zu ausschweifenden Erklärungen, zu Differenzierungen, ja sogar zur Darlegung des derzeitigen inneren Gefühlszustandes bezüglich einer dedizierten Person oder deren Hose.
Und DAS gefällt mir gar nicht. Weil es doch alles viel komplizierter macht. FreundIn zu werden war früher einmal so einfach, ohne nachzudenken, alle anderen waren auch FreundIn von dem/der, da kann ich’s ja auch werden. Freund sein tut ja nicht weh und über die inneren/äußeren Qualitäten sagt das erst mal gar nichts aus. Da leg ich mich nicht fest und kann mir vom “Freund sein” eine unabhängige Meinung zum “mir gefallen” leisten.
Jetzt aber muss er/sie mir praktisch gefallen, zumindest irgendwie, wenn ich ihn/sie eigentlich nur als Freund haben will.
Für mich als Piefke in Österreich z.B. bedeutet das den sicheren sozialen Niedergang. Oder können Sie sich vorstellen, zu einem Piefke zu sagen: “Gefällt mir!”? Na, seien wir mal ehrlich, das hieße ja dann vielleicht, dass Ihnen mein Dialekt gefällt (sicher nicht!), oder meine der Geburt im Land eines mehrmaligen Fußballweltmeisters entspringenden Arroganz (Cordoba?) oder der Kölner Karneval (Allaaf). Wir wissen beide/alle, dass das niemals passieren wird. Demnach gibts auch keine Freunde mehr für mich in/aus Österreich. Aus! Vorbei! Grad auf lächerliche 24 hab ich’s gebracht und jetzt ist alles aus. Nicht mal mehr kaufen kann ich mir welche… Und was soll mein Sohn von mir denken? Zwei Dutzend Freunde, das ist alles? Was für ein Vorbild ist das denn bitteschön…
Herr Facebook, bitte überdenken Sie, zumindest und vor allem im Namen der nicht wenigen deutschen Flüchtlinge in Österreich Ihre Entscheidung doch noch einmal! Oder wollen Sie dafür verantwortlich sein, dass es zu noch größeren sozialen Spannungen in diesem Land kommt? Dass in Salzburg und im Innkreis nun bald zweisprachige Ortstafeln aufgestellt werden müssen (österreichisch-Deutsch/deutsch-Deutsch)? Dass es in kürzester Zeit Flüchtlingslager voll von sich abkapselnden Germanen geben wird, die sich nur noch schwarzweiße Trikots mit Nummern auf dem Rücken anziehen und sich beharrlich weigern, die hiesige Sprache zu lernen? Was dann folgt, ist der pure Horror: Die Blauen und Orangen in Salzburg stärkste Kraft. Trikotverbot in ganz Österreich. Ein weiterer Ortstafelstreit und kein Haider in Sicht, der sich drum kümmert. Massen-Abschiebung. Hunderte von Arigona-Deutsche….
Sehen Sie? Das wollen Sie sicher nicht! Führen Sie also das einfache Freund-Werden wieder ein! Bitte!
— Schnitt —
Gott sei dank! Die Welt steht noch! Es ist doch noch nicht der 21.12.2012. Es ist alles halb so wild. Ich habe gerade gesehen, dass ich nur kein Freund von Gruppen und kommerziellen Seiten in Facebook mehr werden kann. Die können mir jetzt nur noch gefallen oder eben nicht (ersteres tun sie selten, letzteres werden sie leider nie erfahren) Wahnsinn… nochmal ganz knapp vorbei am Armageddon.
Aber es sollte Herrn Facebook trotzdem zu denken geben, das oben geschilderte Szenario kann schneller eintreten als man denkt. Der Anfang ist gemacht. Lassen wir es nicht dazu kommen, dass ich Ihnen gefallen muss!
Aber mein Freund dürfen Sie natürlich schon noch werden, nur zu: seien Sie Nr. 25, 26, 27, … solange Sie es noch können! http://www.facebook.com/markus.schneebeck

